Stutthof - Sztutowo

In Gedenken an die jüdische Familie Lieb / Lib in Stutthof

von Uwe Waldling - Forum.Danzig.de

04.2020
 

Als ich Ende 2016 durch Irmchen, geborene Krause, ehemalige Stutthöferin, von einer jüdischen Familie in Stutthof erfuhr, wollte ich mehr über deren Geschichte und Verbleib erfahren.

Ich berichte hier über die jüdische Familie Lieb in Stutthof. Vielleicht erhält sie so ihr Gesicht in der Dorfgemeinschaft zurück. Auch wenn sie darauf möglicherweise keinen Wert gelegt hätte. Doch gehörte sie eine zeitlang zur Dorfgemeinschaft und ist so Teil einer Geschichte, die nicht rosig dargestellt werden kann.

Irmchens Erinnerungen an die 1930-er Jahre: Es gab eine jüdische Familie mit dem Namen Lieb, die ein Bekleidungsgeschäft in der Schulstraße Ecke Poststraße führte. Die Eheleute hatten eine kleine Tochter namens Antonia (richtiger Name: Tania). Bei Lieb gingen nur wenige Stutthöfer einkaufen. "Wer zum Juden kaufen ging, auf den zeigten die Leute mit dem Finger". Außerdem wurde Kunden angedroht, im "Stürmerkasten", direkt gegenüber dem Lieb-Laden, veröffentlicht zu werden. Die Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäftsleute sind ja hinlänglich bekannt. Trotzdem gingen einige Stutthöfer am Abend heimlich bei der Familie Lieb einkaufen. "Herr Lieb wurde mit Frau und Kind in einer 'Nacht und Nebelaktion' abgeholt". Dies war damals Dorfgespräch. Also wussten es wohl alle Bewohner. Von einer Parteinahme für Lieb ist Irmchen nichts bekannt. Es soll lt. einer anderen Zeitzeugin noch einen Kontakt mit Frau Lieb in Danzig gegeben haben. Frau Lieb soll gewarnt haben, mit ihr in Verbindung zu treten, es sei zu gefährlich. Sie trug einen Judenstern. Das Geschäft der Familie Lieb übernahm dann die Familie Antony, die direkt nebenan schon ein Lebensmittel- und Milchgeschäft führte. Die Textilien der Familie Lieb übernahm Heinrich Thiessen, der auch ein Textilgeschäft in der Poststraße führte.

Eigene Recherchen sowie solche von Kollegen vom Forum.Danzig führten zu einigen Dokumenten, aus denen sich bruchstückweise das Leben der Familie Lib rekonstruieren lässt.

Zalman Lib (Salomon Lieb) wird am 21.12.1891 geboren. Der schwer zu lesende Geburtsort, eventuell auch nicht vom Standesbeamten richtig geschrieben, ist nach dem Stand der Erkenntnis Dziewieniszki (polnisch), Dieveniškės (litauisch), Divenishok, Jevenishok (jiddisch) - siehe Wikipedia und JewishGenKehilaLinks (englisch), u.a. mit Bildern der Stadt. Bei den "Family Surnames" / Nachnamen in Divenishok gibt es keinen Lieb / Lib; am nächsten kommt noch der Name Leyb.

Um 1928 eröffnet Salomon Lieb das o.a. Bekleidungsgeschäft in Stutthof an der Ecke Schulstraße / Poststraße - im Adreßbuch Danzig-Land von 1927/28 ist er weder in Stutthof noch andernorts aufgeführt. Vermutlich hält er sich vor 1928 in der Region auf jedoch ohne eigenen Hausstand.

Die Existenz des Geschäftes ist wie folgt belegt:

Günter Rehaag, „Ostseebad Stutthof“ Band 2, Haupteinwohnerverzeichnis Stutthof Nummer 1445:
Name: Antony, Walter, geboren 1908
Wohnort: Stutthof, Schulstraße 2
Beruf u. a.: Kaufmann, Milch Butter Lebensmittel, Schulstraße / Ecke Poststraße
Sonstiges: Besitz Fr. Löwner, Mieter Rudolf Rathke und Antony (Früh. Kaufmann Liep)
Info: Hermann Rohde

Deutsches Reichs-Adressbuch für Industrie, Gewerbe und Handel, 1934, Stutthof,  Manufakturwaren:
Dau, G. – Gerber, Fritz – Glodde Alfr. - Lieb, Sal., - Thiessen, Heinrich

1929 heiratet Salomon Lieb in Danzig:

Standesamt Danzig I, Nr. 528 vom 16.07.1929

Der Kaufmann Salmon Lib, mosaischer Religion, geboren am 21.12.1891 zu Dziewieniszki, Kreis Oszmiany, Litauen, wohnhaft in Stutthof, Danziger Niederung.

Die Eltern sind der Kaufmann David Lib und seine bereits verstorbene Ehefrau Tony, geborene Katz, angegeben, beide wohnhaft in Dziewieniszki.

Mit Sarra Wolowelski, Buchhalterin, mosaischer Religion, geboren am 31.08.1898 / 10.09.1898 (julianischer / gregorianischer Kalender) zu Pinsk - Karolin, Weißrussland, wohnhaft in Danzig.

Die Eltern sind der Kaufmann Josef Wolowelski und dessen Ehefrau Lea, geborene Menzel, beide wohnhaft in Pinsk - Wikipedia

Quelle: Landesarchiv Berlin - veröffentlicht von Ancestry

1932 wird - vermutlich in Stutthof - die Tochter Tania geboren.

Das weiße Geschäftsschild: "Heinrich Thiessen"

Die spätestens 1933 beginnende Ausgrenzung, Bedrängung und Verfolgung des Juden Salomon Lieb in Stutthof - siehe die obigen Ausführungen von Irmchen - findet sich wie folgt bestätigt:

"Kurt Gutowski, Sohn des örtlichen Schmieds und späterer Mundart- und Heimatdichter, hat in seinen kleinen Lebenserinnerungen anekdotenhaft Zeugnis von der Faschisierung und dem Anwachsen rassistischer Ideologien in seinm Heimatdorf abgelegt (Gutowski, Kurt: Aus meiner Stutthöfer Kinderzeit, S. 66). Gutowski macht den gelebten Alltagsfaschismus an seinem Rektor Reinhold Zube fest, der Schüler aufforderte, Lieferungen an das jüdische Kaufhaus Lieb zu beschädigen und unbrauchbar zu machen. Zube zog bei den angeordneten Kreistagsneuwahlen im November 1934 als NSDAP-Scharfmacher in den Kreistag ein ..."
(Zimmermann, Rüdiger: Friedrich Rohde (1895 - 1970), Danziger Volkstagsabgeordneter, Fischer und Sozialist, Bonn 2020, S. 44

1936 verläßt die Familie Lieb Stutthof. Ob sie - wie Irmchen meinte - in einer Nacht- und Nebelaktion abgeholt / verhaftet wird oder von sich aus still und heimlich Stutthof Richtung Danzig verläßt, bleibt unklar. Für Letzteres spricht die oben erwähnte Begegnung mit der in Danzig in Freiheit lebenden Frau Lieb sowie das folgende Ereignis:

„Zudem wurden dem Danziger Kaufmann Salomon Lieb, bei dem Beamte des Steuerfahndungsamts in der Wohnung 30.000 Danziger Gulden in Gold entdeckten, diese Summe trotz seines Rechts auf einen freien Devisenverkehr zusammen mit seinem Sparkassenguthaben von 3.000 Gulden beschlagnahmt, obgleich Lieb überhaupt keinen gewerblichen Betrieb führte. Die Finanzbehörde stellte trotzdem Steuerschulden fest und zog die Goldmünzen als angebliche Steuerschuld und Steuerstrafe ein." (Sopade 1938, S. 770f.) Banken, Ralf: "Hitlers Steuerstaat: Die Steuerpolitik im Dritten Reich", 2018, S. 555, Fußnote 256

Dieses Geldvermögen könnte andeuten, dass Salomon Lieb sein Geschäft und den Warenbestand noch erfolgreich an die Kaufleute Walter Antony und und Heinrich Thiessen - siehe oben - veräußern konnte.

Wo die Familie Lieb dann zwischen 1936 und 1942 lebt bleibt unklar. In Danzig? In den Adreßbüchern 1937/38 und 1939 wird sie nicht aufgeführt. Das belegt jedoch nicht, dass sie sich nicht in der Stadt aufgehalten hat. Alternativ wäre vorstellbar, dass sie in Salomon Liebs Geburtsort Dziewieniszki zurückkehrt.

Dokumentiert ist die Existenz von Salomon Lieb und seiner Tochter Tania Lieb - nicht der Ehefrau / Mutter Sarra - erst wieder im Jahr 1942 im Getto Woronowo.

Aus einer Ghetto-Liste - https://www.avivshoa.co.il/pdf/Ghetto-List-1.8.2014.pdf

Nr. 5288 Woronowo (Voranava [Bel], (Voronovo [Rus], Woronów [Pol], Voronova [Yid], Voranova, Voronov, Voronove, Werenów, Woronowo)

bis 1941: Polen, Gebiet Nowogrodek; bis 1944/1945: Reichskommissariat Ostland (Weißruthenien); heute: Belarus, Gebiet Grodno (Hrodna)

Eröffnung am 1.6.1941 Liquidierung 30.09.1943 Deportationen Lida

Bemerkung: am 11. Mai 1942 wurden 1291 Personen erschossen

Quelle: Handbuch der Haftstätten Belarus (1941-1944), 2001; Encyclopedia of Jewish Life, 2001

Datum der Ergänzung: 1.8.2014

Die Karte zeigt, dass das Ghetto Woronowo nicht weit von Salomon Liebs Geburtsort entfernt liegt.

Nach einer Anfrage übersandte das "Arolsen Archives - International Center on Nazi Persecution" eine sog. Korrespondenzakte über die Liebs:

Aus dieser Akte wird nicht erkennbar, wann und von wo die Lieb-Familie in das Ghetto Woronowo gebracht wurde. Salomon Lieb wird am 19.05.1942 im Ghetto verhaftet und bei einer "Aktion" erschossen. Bei der 10-jährigen Tochter Tania wird das Datum der Verhaftung mit Anfang Juni 1942 angegeben; auch sie wird bei einer "Aktion" erschossen.

Über den Verbleib der Ehefrau / Mutter Sara findet sich nichts, auch nicht auf der Liste der Überlebenden des Ghetto Woronowo. Nicht auszuschließen ist, dass zwischen 1936 und 1942 verstorben ist.

In der englischsprachigen Veröffentlichung

Woronow, Voronova
(Voranava, Belarus)
54°09' / 25°20'
Written by Moshe Berkowitz, beginning 1943
Unpublished

wird im Chapter XIII beschrieben, wie die jüdischen Bewohner von Diveneshok und benachbarter Orte nach Woronowa gebracht werden. Vorher versucht eine Delegation aus den Orten mit den Deutschen zu verhandeln. "The delegation was as follows: LIEB; Hirsh SCHMID; YUTAN; and KOTLIAR from Diveneshok ..." - leider fehlt bei LIEB der Vorname, so dass nicht klar ist, ob es sich um Salomon Lieb handelt.

Chapter XV - The massacre in Woronow. Dieses fand statt am 11.05.1942 - siehe das Todesdatum von Salomon Lieb.

Ich möchte mich bei allen helfenden Kräften aus dem Danzig Forum bedanken und beim Arolsen Archiv für die Bereitstellung der Akte.

Mein Anspruch war nicht ein Buch zu schreiben, sondern, wie eingangs erwähnt, der Familie Lieb einen Platz im Bewusstsein zu geben. Deshalb bitte ich um Verständnis, dass ich mich relativ kurzgehalten habe.

 

Copy of 6.3.3.3 / 82889670 letzte Ziffer fortlaufend bis 5
In conformity with IST Digital Archive, Arolsen Archives
Mit freundlicher Erlaubnis der Veröffentlichung durch o.g. Archiv.

 

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