Heinz Mandey : Ungeordnete Erinnerungen -
Nickelswalde zwischen 1935 und 1958

Das Vaterland braucht Soldaten damit die Zivilisten ruhig schlafen können

So wurde ich aufgefordert, nun als Hendrik Mandey zur Militärmusterung zu erscheinen, dem ich auch pflichterfüllend nachkam.

Die Musterung fand in Nowy Dwor /Tiegenhof statt. Es hieß "Bekleidung ablegen", und der Einmarsch fand im Adamskostüm statt. Man hätte auch noch ein Liedchen singen können wie „Es läuten die Glocken im Königstal“. Nach dem obligatorischen Auftritt von einem Menschen im weißen Kittel - Sanitäter oder Medizinmann, keine Ahnung - ertönte das Kommando „Bücken sie sich und husten sie mal“, wobei der Weißkittel sich das Ganze von achtern anschaute und anhörte. Der Kandidat vor mir war sehr aufgeregt. Als er in dieser gebückten Stellung stand wollte er gleich etwas mehr tun. Beim Husten stieß er einen Laut von hinten heraus, es knallte und stank fürchterlich. Der Weißkittel fragte den Kandidaten, ob er sich nicht unter Kontrolle habe. Die Antwort weiß ich nicht mehr. Nach dem Bücken und dem Husten war ich glücklich, dass es bei mir nur bei dieser Aufforderung geblieben war. Ich wurde weitergereicht. An einem Tisch saßen einige Gestalten in Zivil - wer das war? Wir erhielten das Untersuchungsergebnis mitgeteilt: Tauglich. Nun wurde jeder gefragt, möchten Sie ihre Pflicht beim Militär erfüllen? Ja, ich wollte. Sie müssen nicht, sie können auch für zwei Jahre einen "Zivildienst" antreten. Zivildienst bedeutete, in Schlesien im Bergbau zu schuften oder eine andere schwere Arbeit zu leisten. Aber so viel Arbeit wollte ich mir nicht antun.

Genau Mitte der 50-er Jahre, im Dezember, musste ich mich in Gdansk / Danzig am Hauptbahnhof einfinden. Nur durch Zufall erfuhr ich, bei welcher Gattung man mich einsetzen wollte. Nachdem sich schätzungsweise 50 Mann versammelt hatten, setzte sich der Zug in Bewegung. Die Endstation erreichten wir gegen 19 Uhr. Von dort wurden wir zur Kaserne geführt. Der Fußmarsch dauerte circa 10 Minuten. Anschließend durften wir in den Speiseraum zum Abendessen gehen, begleitet vom diensthabenden Unteroffizier. Es gab ein üppiges Abendessen: Schwarzen Malzkaffee, zwei Schnitten Kommissbrot und etwas Schmalz, versehen mit dem Hinweis, das Militär mäste nicht sondern es unterrichte. Am nächsten Morgen Wecken, um 7 Uhr Frühsport, danach Frühstück, das gleiche wie das Abendessen. Anschließend wurden wir zum Haareschneiden gebracht. Nachdem der Frisör mit uns fertig war, erkannte einer den anderen nicht mehr: Wir hatten alle eine Glatze erhalten, aber immerhin kostenlos, und daran änderte sich die folgenden 12 Monate auch nichts. Mit der Glatze ging es jetzt zur Badeanstalt. Dort mussten wir uns ausziehen, um anschließend entlaust – ja, entlaust – zu werden. Danach mussten wir unter die Dusche. Der Rückmarsch dauerte circa 5 Minuten mit nacktem Oberkörper bei circa 10 Grad minus. Doch hatten wir an diesem Tag einen blauen Himmel und Sonnenschein pur - wir schrieben den 12.12.1955. Zurück in unserem Kasernenausbildungsblock erhielten wir ein Unterhemd aus Baumwolle - natürlich ohne jegliche Knöpfe - eine Unterhose, gleiche Ausführung. Diese hatte eine Kordel, damit wir das Elend einschnüren konnten. Ein Paar Schuhe. Statt Socken gab es Fußlappen und diese in einem strahlenden Weiß. Die Schuhe färbten ab. Da kann sich ja jeder vorstellen, wie die Fußlappen nach kurzer Zeit aussahen. Und am nächsten Morgen mussten diese beim Morgenappell wieder im strahlenden Weiß erscheinen, wobei zu ihrer Reinigung nur kaltes Wasser zur Verfügung stand. Warmes Wasser gab es nicht, das wäre Luxus gewesen. Die Uniform bestand aus Hose, Jacke sowie einem Mantel. Der Stoff der Bekleidung war eine Art Tuch aber durchaus brauchbar. Dazu kamen ein Lederkoppel, ein Tornister und eine Gasmaske. Als Kopfbedeckung eine Tschapka. Die wärmte sehr gut. (Wikipedia: Tschapka)

Nachdem wir nun geschmückt waren, stellte sich der für die nächsten drei Monate Grundausbildung verantwortliche Ausbildungschef vor, im Range eines Offiziers. Er war ein polnischer Jude. Der Name ist mir noch bestens bekannt, er endete mit -stein am Ende. Dieser Offizier war das Beste vom Besten was Disziplin, Gehorsamkeit sowie eine gute Ausbildung betrifft. Außerdem war er als großer Meister der Schikane bekannt. Der Mann war so beliebt, dass selbst seine Offizierskameraden nichts mit ihm zu tun haben wollten.

Ich überstand die Grundausbildung relativ gut in der Schreibstube direkt beim Chef. Er war nicht sonderlich angenehm, denn er wusste ja, wer ich war, konnte sich aber keinen anderen aussuchen, denn es war kein anderer da, der für den Posten in Frage kam. Ich erinnere mich: Oft, wenn das Wetter besonders schlecht war, stand er am Fenster und machte sich Sorgen. Er meinte dann immer, dass es ihm sehr unangenehm sei, dass ich heute an der Ausbildung nicht teilnehmen konnte, denn diese wäre an solchen Tagen sehr wichtig für mich. So habe ich meine Grundausbildung gut überstanden. Nach dieser absolvierte ich eine Panzerausbildung. Dort kam es nicht auf das exakte Marschieren an, sondern andere Dinge waren gefragt. Da war etwas Grips die notwendige Voraussetzung. Nach weiteren zehn Monaten Wehrzeit in der Nähe von Olsztyn / Allenstein verbrachte ich drei Monate in einer Panzerschule zur Weiterbildung. Wir hatten als Panzerleute schon unsere Pflichten. Vor allen Dingen waren wir verantwortlich für Werte, die eine Million überstiegen. Aber dafür hatten wir fast schon Narrenfreiheiten. Die Panzeroffiziere sprachen wir natürlich mit Sie an, aber einige von denen redeten uns mit unseren Vornamen an.

Militärführerschein

Der lang ersehnte Tag: Entlassung aus der Armee

Ende Oktober 1957 war es endlich soweit, ich wurde vom Wehrdienst entlassen und kehrte überglücklich zu meinen Eltern wohlbehalten zurück. Nach circa zwei Wochen wurde ich wieder Fischer.

Es lebten zu dieser Zeit in Mikoszewo / Nickelswalde einige polnische Kriegsveteranen, von den ich wegen meiner Wehrzeit auch anerkannt wurde. Im allgemeinen habe ich keinen Grund gehabt, den Polen etwas nachtragen zu müssen.

Die Ausreise

Ende Juli 1958 stellten meine Eltern und ich einen Ausreiseantrag für die BRD. Der erste wurde abgelehnt wurde, der zweite wurde dann genehmigt, und die Übersiedlung in die BRD erfolgte Mitte Dezember. Wir durften den Hausrat mitnehmen, der separat per Bahn transportiert wurde, natürlich gegen Bezahlung.

Nach dem Durchlaufen einiger Flüchtlingslager erfolgte die Einweisung an einen festen Wohnort.

Der letzte polnische Pass - wieder als Heinz Mandey

Nun sind seit meiner Ausreise 54 Jahre vergangen. Geblieben ist mir eine gute Erinnerung und über die Jahre eine Freundschaft mit einer jetzt 91-jährigen Dame in Nickelswalde, zu der ich noch heute gute Kontakte pflege. Diese werden wohl nicht abbrechen, es sei denn, es kommt der Wunsch von ganz oben mit den Worten, komm zu mir, deine Zeit ist abgelaufen.